Lisa Kaltenegger: Weltraum-Detektivin

Erschienen in Real World Deutschland, Oktober 2012

Lisa Kaltenevver

Lisa Kaltenegger, Weltraum-Detektivin. Image: HdA

Arbeitsplatz: Max-Planck-Institut und Harvard. Beruf: Weltraum-Detektivin.

Lisa Kaltenegger greift nicht nur sprichwörtlich nach den Sternen bzw. Planeten – mit nur 35 Jahren, leitet die junge Astrophysikerin schon ihr eigenes internationales Team und wurde für ihre revolutionäre Forschung dieses Jahr mit dem prestigeträchtigen Heinz Maier-Leibnitz-Preis belohnt. Sogar ein Asteroid trägt ihren Namen. Nicht schlecht, oder?

Lisa Kaltenegger aus Kuchl, einem winzigen Ort in der Nähe von Salzburg, ist die Koryphäe der Astrophysik. Harvard, Max-Planck-Institut, NASA, ESA & Co reißen sich um diejenige, bei der sich momentan alles um die Erforschung von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems dreht.

Wer allerdings glaubt, Lisa hätte schon als schon als kleines Mädchen gewusst, dass sie sich später dem Universum widmen will, liegt falsch. Immer wechselnde Berufswünsche standen bei ihr an der Tagesordnung. Noch im Gymnasium belegte sie Begabtenkurse in Japanisch und Chaostheorie an der Universität Salzburg und ließ sich auch die Teilnahme an dem einen oder anderen Literaturwettbewerb nicht nehmen. Lisa wollte immer alles wissen. Ihr erstes Teleskop hat sie aber erst mit 20 gekauft.

“Ich habe bis zum Beginn des Studiums nicht gewusst was ich eigentlich studieren soll“, sagt Lisa. Und so begann sie in Graz gleich mit fünf Studienfächern – Technische Physik, Astronomie, Film- und Medienkunde, Übersetzer und BWL mit Japanisch. Abwechslungsreich. Und eine logistische Meisterleistung. „Aber mit dem Rad ging das schon“, erinnert sich Lisa an ihre recht stressige Zeit der „Selbstfindung“. Letztendlich ist sie bei der Technischen Physik und der Astronomie hängen geblieben – für Lisa die perfekte Kombination aus Details (Physik) und Weitblick (Astronomie).

“Ich habe bis zum Beginn des Studiums nicht gewusst was ich eigentlich studieren soll.“

Heute könnte Lisa über ihre Wahl nicht glücklicher sein. “Mein Job ist immer spannend, immer neu. Es gibt immer was zu lernen und ich bin involviert in die Suche nach ganz anderen Welten, die so sein könnte wie unsere!”, schwärmt die Astrophysikerin mit strahlenden Augen.

Lisa Kaltenegger bei der Verleihung des Heinz Meier-Leibnitz-Preises. Image: DFG

Ein Blick auf Lisas Lebenslauf kann einem schon mal die Sprache verschlagen: zwei Master, ein PhD. Max Planck Institut, Harvard, ESA, NASA. Sechs Sprachen, drei davon fließend. Ein Durchbruch jagt den anderen, mit Preisen wird sie nur so übersäht. Als einen ihrer größten Erfolge würde Lisa aber den 2007er Outstanding Young Scientist Award des Harvarder Center for Astrophysics bezeichnen – mit dem hatte sie nämlich gar nicht gerechnet. Über den diesjährigen Heinz Meier-Leibnitz Preis hat sie sich aber selbstverständlich auch gefreut. Lisa bleibt aber bescheiden: Ihr eigentlicher größter Erfolg ist es immer noch Spaß an ihrem Job zu haben.

Als eines der 27 von der EU-Kommission gekürten Vorbildern für Frauen in Forschung und Technik, versucht Lisa jungen Frauen genau diesen Spaß zu vermitteln. Sie gesteht aber, den klischeebehafteten Werbespot „Science: it’s a girl thing!“ habe sie vor der offiziellen Erstausstrahlung nie gesehen. „Was sie aufgezeigt haben, ist, das die Stereotypen wirklich existieren“, sagt Lisa, die anfangs glaubte, das Video wäre nur ein Scherz.

„Ich glaube das wichtigste ist Mädchen in der Technik zu SEHEN: Junge Frauen, die Vorträge halten, die dann vielleicht irgendwo Preise gewinnen – einfach, dass es normal wird“, so Lisa. Wichtig wäre auch, Mädchen schon vor der Stufe zu erwischen, in denen ihnen die „Fossilien des Schulbetriebs“ weiß machen wollen, dass sie in den „Männerdomänen“ nichts zu suchen hätten. „Generell wär’s nicht schlecht an der oberen Ebene anzulegen. Frauen auch höher zu befördern, die dann ganz normal im Blickfeld stehen“, sagt Lisa.

Sie selbst hat die klassischen Stolpersteine ganz gut – aber eher unabsichtlich – umgangen. Ihren Master schloss sie in Spanien ab, wo die Frauenquote damals schon sehr hoch lag; ihren PhD erhielt sie bei der ESA in Holland, wo die Geschlechterfrage für ihre schwedischen Chefs kein Thema war. Von einem dieser Chefs hat sie auch einen wunderbaren Tipp bekommen: „Wenn du beim ersten Kennenlernen mit kopieren beschäftigst bist, dann bleibst du für immer die Sekretärin. Da kannst du machen, was du willst“, erinnert sich Lisa an die Worte des Schweden.

Mit Hilfe von “Fingerprints” wollen Lisa Kaltenegger und ihr Team Planeten noch genauer erforschen. Image: CfA

Nach Stationen in Spanien und Holland zog es Lisa nach Harvard. In Amerika wären solche stereotypischen Ansichten schon nicht mehr „socially acceptable“ – sehr angenehm! „Selektives Hören“ kann aber schon recht nützlich sein, denn vor allem zu Studienzeiten, musste sich Lisa mit den staubigen Ansichten ihrer Professoren, die Klassen generell mit „meine Herren Kollegen“ ansprachen, abfinden. „Vor allem im deutschsprachigen Raum denkt man sich schon manchmal: So ein weißer Bart wär super!“ Heute braucht sich Lisa aber keinen Bart mehr wünschen: spätestens mit dem Leibnitz-Preis ist sie in der ganzen Welt angekommen.

Bleibt bei so vielen Erfolgen überhaupt noch Zeit für Privates? Laut Lisa kein Problem, wenn auch manchmal etwas chaotisch. Sie ist zwar nicht verheiratet, lebt aber mit ihrem portugiesischen Freund zusammen. Kinder gibt’s (im Augenblick) noch keine: „Wir haben keine Planung, aber auch keine Nichtplanung“, sagt Lisa mit einem Zwinkern. Der Beruf soll sie jedenfalls nicht stoppen. Sie fordert aber auch, dass das Berufsleben generell familienfreundlicher werden muss: Deutschland und Österreich hinken vor allem in Sachen Kinderbetreuung dem restlichen Westen hinterher.

„Diesen Blick über den zu Tellerrand machen und dann anzufangen die Dinge zu verstehen – genau das macht Wissenschaft für mich so spannend!“

Auch beruflich blickt Lisa mit riesiger Vorfreude in die Zukunft. Verständlich – es erwartet sie auch eine spannende Zeit, denn schon bald senden bessere und größere Teleskope die ersten „Fingerprints“ von Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Diese Fingerabdrücke, die Bestandteile eines Planeten und deren Atmosphäre beschreiben, sind der erste Schritt, um herauszufinden, wie sich diese Planeten entwickeln und wie sie sterben. Und könnten womöglich sogar außerirdisches Leben beweisen!

Ein Nobelpreis? Vielleicht. „In dem Sinne ist dir ein Preis aber komplett wurscht!“, sagt Lisa. Sie freut sich viel mehr an der Spitze des bahnbrechenden Projekts zu sein. „Erst einmal dieses Teleskop fliegen zu sehen und dann die ersten Fingerprints von diesem kleinen Felsplaneten zu analysieren – rauszukriegen ob diese so sind wie die Erde oder anders“, darauf freut sich Lisa. „Diesen Blick über den zu Tellerrand machen und dann anzufangen die Dinge zu verstehen – genau das macht Wissenschaft für mich so spannend!“

 

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